Dienstag, 22. November 2022

um 19:00 Uhr im Hotel „Leib & Seele“ des Hauses Walstedde

Vortrag

Mehr Nichts!
Die Wissenschaft vom Glück und warum wir weniger vom Mehr brauchen.

Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise des Überangebots und der permanenten Beschleunigung. Für Bestsellerautor, Neurowissenschaftler, Mediziner und „Glücksforscher" Tobias Esch ist es spätestens nach der letzten Pandemie an der Zeit, das sinnentleerte Streben nach Mehr infrage zu stellen – wir müssen von der sich unablässig steigernden Dichte, von haltlosem Konsum und damit einhergehender (Selbst-)Ausbeutung wegkommen, müssen zurückfinden zu der Reduktion auf das Minimale und einer so wohltuenden wie befreienden „Leere".

Mehr Nichts, weniger Mehr – nach diesem Leitmotiv sollten wir unsere Leben ausrichten: Im Mittelpunkt der von Esch aufgerufenen Debatte steht die Medizin und eine selbstgefällige Suche nach strahlender Gesundheit oder „ewigem Leben" – mit Corona als alarmierendem Stachel im Fleisch.

Darüber hinaus wendet er sich anderen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens zu: Glauben und Achtsamkeit, Politik, Klima, Ökologie und Wirtschaftsstrukturen. Esch attestiert dabei eine paradox erscheinende Gleichzeitigkeit von ungehemmtem Wachstum einerseits und einer parallel anwachsenden Zahl von Menschen andererseits, die nicht mehr willens sind, so wie bisher mitzumachen, sich das Drama einer aus den Fugen geratenen Welt noch länger anzuschauen.

Grundlage von Eschs Betrachtungen ist das von ihm entwickelte Modell einer „Neurobiologie des Glücks", das eine Verbindung herstellt zwischen verschiedenen Formen des Glücks, wie sie auch schon in Geisteswissenschaft, den Künsten und der Philosophie lange bekannt sind, und dem hirneigenen Motivations- und Belohnungssystem, unserer Biologie. Esch gleicht die Erfahrung von Glück so mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ab und stellt zugleich einen Bezug her zu verschiedenen Lebensphasen und persönlichen Reifungsprozessen über die Zeit: Es ist ein Unterschied, ob wir von einem jugendlichen oder ekstatischen Glücksmoment einerseits oder einem inneren Lächeln im Sinne einer transzendenten „Glückseligkeit" der Älteren sprechen.
Schließlich stellt Esch seine Erkenntnisse in einen gesellschaftlichen Zusammenhang: Nur wenn wir uns in sämtlichen Belangen – und nicht nur mit Blick auf individuelle Selfcare-Maßnahmen – wieder auf die Essenz unseres Seins reduzieren, können wir den Weg zurück zu sinnhaftem, echtem Lebensglück und dringend benötigter Nachhaltigkeit finden.

Referent:

Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch ist Neurowissenschaftler, Gesundheitsforscher und Allgemeinmediziner. Seit vielen Jahren untersucht er, u. a. an der Harvard Medical School und an der Berliner Charité, wie Selbstheilung funktioniert und wie ihre Potenziale innerhalb und außerhalb der etablierten Medizin nachweisbar für die Gesundheit genutzt werden können. Seit 2016 ist er Institutsleiter und Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke, wo er auch die dortige Universitätsambulanz als Aushängeschild und Blaupause einer „Medizin von morgen" gründete. Seine Sachbücher (u. a. „Der Selbstheilungscode" oder „Die Bessere Hälfte", zusammen mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen) wurden in verschiedene Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und erreichten Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten.

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