Vortrag von Prof. Dr. Dr. H. Walach: »Spiritualität – die vergessene Dimension«

»Dass wir heute hier sind, um die Akademie Gegenwart zu eröffnen, beruht auf einer vordergründig verrückten Idee von vordergründig verrückten Menschen.« Augenzwinkernd, übermütig-demütig, begrüßte Prof. Josef Weglage die ca. 80 Gäste, die zum Auftakt der Akademie in der dicht gefüllten Kaminhalle des Fachwerkhauses zusammengekommen waren.

So überraschend es zunächst erscheint, dass in einem Gesundheitszentrum ein Forum geschaffen wird, das sich mit Gegenwartsfragen beschäftigt, speziell auch mit existenziellen, mit spirituellen Fragen, so klar erhellte sich die Weitsicht dieses Vorhabens durch den Vortrag von Prof. Harald Walach, der im Mittelpunkt des Abends stand: »Spiritualität – die vergessene Dimension«. Wissenschaftlich belegt, verdeutlichte der Referent, inwiefern eine spirituelle Verankerung des Menschen seiner Gesundheit förderlich sei. Und er ging noch einen Schritt weiter: Seine Ausführungen gipfelten in der Aussage, dass das Fehlen einer spirituellen Praxis sogar einen Risikofaktor für psychische Erkrankungen darstelle.

Spirituelle Erfahrung

Im Anschluss an die Einführung des Referenten durch die zukünftige Leiterin der Akademie, Dagmar Spelsberg-Sühling, erläuterte Professor Walach einleitend den Begriff der spirituellen Erfahrung. In jeder Religion sei der Kern die Erfahrung - nicht eine rein intellektuelle Überzeugung. Eine Erfahrung, die auf eine transzendente Wirklichkeit bezogen sei, berühre stets tiefste kognitive wie auch emotionale Ebenen und führe ins Handeln. »Wer eine Erfahrung gemacht hat, hat täuschungsfreie Erkenntnis«, zitierte Walach den mittelalterlichen Theologen und Philosophen Duns Scotus. An drei Beispielen zeigte der Referent das Charakteristische einer spirituellen Erfahrung - unabhängig vom jeweiligen Lebenskontext: ein junges Kind sowie ein agnostischer Astrophysiker (im 21. Jahrhundert) berichteten von einem existenziellen Erleben, jeweils ganz unerwartet bei einem Aufenthalt in der Natur, wie es in ganz ähnlicher Weise Ignatius von Loyola als klassischer Heiliger (im 16. Jahrhundert) beim Rückzug in einer Höhle (im
Gebet bzw. in der Meditation) widerfuhr: eine Erfahrung des Verbundenseins mit dem großen Ganzen, die jeweils mit Metaphern des Lichts beschrieben wurde.

Spiritualität – ein Tabu

Obwohl jeder Mensch zu solchen Erfahrungen befähigt sei, gelte Spiritualität, spirituelle Erfahrung jedoch in unserer Kultur als ein Tabu. Zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland (in den USA sogar etwas mehr) hätten, auf welche Weise auch immer, einen spirituellen Bezug; unter den Spitzenwissenschaftlern (in den USA) betrage der Anteil allerdings nur 8 % - gegenüber 92 % Agnostikern. Die Definitionsmacht liege jedoch bei der Wissenschaft, so dass sich in der Gesellschaft jene angesprochene Tabuisierung von Spiritualität entwickelt habe.
Wie es dazu kam, dass die Wissenschaft quasi die Religion ablöste, entfaltete der Referent in einem historischen Rückblick. Bis zur Hochscholastik des Mittelalters gab es noch die Gleichrangigkeit von äußerer und innerer Erfahrung. In einem aufschlussreichen Werk legte der Franziskaner Roger Bacon 1267 dar, dass die Wissenschaft aus Erfahrung gespeist sein müsse, womit er gleichermaßen die empirische Erfahrung wie die existenzielle Erfahrung (mit dem Ziel der Vereinigung mit Gott) meinte. Nach dieser Zeit wurde der inneren Erfahrung ihre Wertschätzung entzogen; auch die Theologie als Wissenschaft wurde »verkopft«. Die spirituelle Erfahrung wanderte aus der Theologie in den Bereich der Mystik aus. Eine materielle Sichtweise der Welt setzte sich durch. Die Wissenschaft klammerte die Erfahrungsdimension aus und sie erhielt selbst quasi einen religiösen Status. Im Zuge der Aufklärung verstärkte sich dieser Prozess.

Eine neue Öffnung für Spiritualität im Bereich der Medizin

Seit etwa 30 Jahren, so Prof. Walach, gibt es in der Wissenschaft wieder den Beginn einer Offenheit für Spiritualität, beispielsweise mit Forschungen zur Rolle des Bewusstseins und der Spiritualität im Bereich der Medizin. Studien haben gezeigt, dass etwa an Krebs Erkrankte mit einer spirituellen Rückbindung ihre Erkrankung dank ihrer Ressourcen an Hoffnung und Gelassenheit leichter zu bewältigen vermögen als Patientinnen bzw. Patienten ohne spirituellen Bezug. Auch im Sterbeprozess manifestiert sich dieser Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Eine Öffnung für die spirituelle Dimension zeigte sich auch dort, wo zunächst im Rahmen von palliativer Versorgung (palliative care), der Bereich Spiritual Care entwickelte. Es folgten Forschungen zu Meditation und zu religiösen Copingstrategien. Eine große Fülle an Literatur und zahlreiche Studien gibt es inzwischen insbesondere zur Wirkung von Achtsamkeit (MBSR/achtsamkeitsbasierte
Stressreduktion nach Jon Kabat-Zinn) auf die Aktivierung von Selbstheilungskräften sowie die Bewältigung körperlicher Schmerzen und psychischer Erkrankungen u.a. Auch Prof. Walach führte (Meta-) Studien hierzu durch.

»Spirituelle Hygiene«

In Analogie zur herausragenden Bedeutung der körperlichen Hygiene für die Gesundheit des Menschen betonte der Vortragende den Wert einer Hygiene des Bewusstseins für unsere (seelische) Gesundheit. So wie wir mindestens 20-30 Minuten täglich für die körperliche Hygiene aufwenden, wäre es eine gute, ja notwendige Gewohnheit, entsprechend viel Zeit für eine geistige, spirituelle Hygiene einzusetzen: »hinhocken, nichts tun«. Einen Monat braucht man, gab Prof. Walach den Zuhörenden mit auf den Weg, um eine solche Gewohnheit zu installieren, danach zwei Monate, um die neue Gewohnheit zu vertiefen und zu festigen. Was wir daraus gewinnen können, als einzelne, als Gesellschaft? Gesteigerte Konzentrationsfähigkeit, größere Präsenz im Hier und Jetzt, innere Ruhe, innere Tiefe, innere Verbundenheit.

Ein genussvoller Abend

Atmosphärisch wie inhaltlich vermittelte der Eröffnungsabend den Gästen einen ersten Vorgeschmack auf das, wofür die Akademie Gegenwart stehen will und was sich in ihr entwickeln kann. Prof. Weglage dankte den Vorstandsmitgliedern des Vereins und anderen Beteiligten sehr herzlich für ihr Engagement bei der Gründung der Akademie Gegenwart e. V. und er bat alle Anwesenden um Anregung und Unterstützung und lud sie im Frohton zum Mittun ein.
Zum Programm des Abends gehörte ein Eingestimmtwerden mit einer virtuosen Musik - Gitarre, Flöte und Gesang. Die berührenden Klänge des Duos Hans-Ralf Waterkamp und Volker Leiß begleiteten später erneut das Nachklingen und gedankliche Vertiefen des Vortrags. Ebenfalls wurde von Marie Kortenbusch ein Gedicht voller Zartheit und Tiefe vorgetragen - mit dem sprechenden Titel »Anbeginn« (Eva Strittmatter) - über verschüttete Sehnsüchte und das Neuwerden des Lebens mitten im Alltäglichen. So bot die Eröffnungsveranstaltung hochwertige Nahrung für den Kopf und für das Herz - und schließlich auch für den Magen: bei einem feinen Imbiss entfalteten sich zahlreiche Begegnungen und äußerst lebendige Diskussionen.

Marie Kortenbusch

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